Pharmawahn
Veröffentlichung: September 2016
Inhalt:
Im brasilianischen Urwald wird eine unbekannte Pflanze entdeckt. Burns, Geschäftsführer eines großen Pharmaunternehmens in London, wittert die Chance, deren besonderen Wirkstoff kommerziell nutzen zu können. Allerdings kommt es in der Entwicklungsphase des neuen Präparates zu Problemen bei den durchgeführten Tests, sodass deren Fortführung von staatlicher Seite untersagt wird. Burns lässt sich jedoch nicht beirren und forscht im Geheimen weiter. Newman, ahnungsloser Kurier im Auftrag des Unternehmens, hat hierbei die Aufgabe, mit dubiosen Geschäftspartnern in Kontakt zu treten und diesen die neuesten Produktentwicklungen auszuhändigen. Welcher Gefahr er sich dabei aussetzt, wird ihm erst bewusst, als es bei einer Übergabe zu Komplikationen kommt. Es beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod, der nicht nur Newman, sondern auch dessen Familie, sowie weitere Mitarbeiter des Unternehmens in seinen teuflischen Bann zieht.
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Leseprobe:
39. Kapitel
Jefferson warf das Handy auf den Beifahrersitz. Die Verbindung zu Burns war abgebrochen. Er wollte später versuchen, seinen Vorgesetzten zu erreichen. Konzentriert blickte er durch die Windschutzscheibe und folgte den Reifenspuren, die der Boss vorhin hinterlassen hatte. Sie führten die Sandpiste entlang, die die Stadt als Ziel hatte. Nach ein paar Kilometern bogen die Spuren plötzlich nach links ab und verliefen abseits eines regulären Weges. Jefferson drehte das Lenkrad und musste seine Geschwindigkeit aufgrund des unwegsamen Geländes reduzieren. Nach einem weiteren Kilometer endeten die Spuren. Er hielt an und stieg aus. Bei genauerer Betrachtung stellte er fest, dass kein Wendevorgang zu erkennen war. War der Boss rückwärts zur Straße zurückgefahren? Aber selbst das konnte er aufgrund der vorhandenen Spurenformation ausschließen. Er blickte sich um, ob er Newman irgendwo entdecken würde. Aber nichts. Er rief seinen Namen – keine Reaktion. Schließlich lief er ein Stück in Richtung der Verlängerung der Reifenspuren. Dabei sah er an vereinzelten Stellen Profilabdrücke. Wahrscheinlich hatte der Wind die Spuren schon wieder verweht. Er kehrte zum Wagen zurück, setzte sich hinein und fuhr geradeaus weiter. Wonach sollte er sich nun orientieren? Wachsam blickte er nach links und rechts, während er sich im Schritttempo fortbewegte. Was war, wenn der Boss noch zehn Kilometer gefahren wäre und dabei die Richtung geändert hätte? Jefferson sah seine Chancen schwinden, Newman in der Weite der Wüste je wiederzufinden. Immer wieder stoppte er, stieg aus und hielt Ausschau nach den Resten von Reifenspuren, die jedoch immer spärlicher wurden. Schließlich erreichte er einen Punkt, an dem keine weiteren Indizien mehr feststellbar waren. Was sollte er tun? Am liebsten hätte er gewendet und wäre zum Lager zurückgefahren. Es war einfach aussichtlos. Abermals blickte er um sich in die endlose Weite. Er wollte gerade zum Wenden ansetzen, als er einen Fetzen Stoff erblickte, der an einem niedrigen Dornenbusch im Wind flatterte. Jefferson sprang aus dem Wagen, lief zu dem Busch und zog den Stoff ab. Er musste zu einem Hemd gehören. Seine Augen sondierten die Umgebung wie ein Radar. Erneut rief er nach Newman. Nichts regte sich. Er begann, die Umgebung weiträumig abzusuchen. Wenn Newman hier abgesetzt worden war, konnte er mit seinen Verletzungen nicht weit gekommen sein. Aber es schien wie verhext. Jefferson fand nichts außer Steinen und Sand, davon gab es hier genug. Eine lebensfeindliche Umgebung. Wenn Newman hier draußen war, würde er den nächsten Tag nicht überleben. Die Sonne würde ihn ausbrennen und jämmerlich krepieren lassen. Er musste hier irgendwo sein. Dann stieß Jefferson plötzlich auf Schleifspuren. Er folgte ihnen. Sie führten hinter einen größeren Gesteinsbrocken. Er näherte sich, ging um ihn herum und erblickte Newman, der mit dem Bauch nach unten reglos am Boden lag. Jefferson eilte zu ihm und drehte ihn auf den Rücken. Die Atmung war schwach. Er schlug mit seiner Hand gegen die Wangen. Newman fing an zu Stöhnen und drehte langsam und benommen seinen Kopf hin und her.
„Mr. Newman, hören Sie mich?“, fragte Jefferson.
„Wo, wo bin ich?“, entgegnete Newman kraftlos.
„In der Wüste. Ich bin es: Jefferson. Der Boss hat Sie hier ausgesetzt. Können Sie gehen?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe keine Kraft.“
„Warten Sie, ich helfe Ihnen auf.“ Jefferson griff Newman unter die Arme und versuchte, ihn hochzuziehen. Als sich der Körper schließlich in der Senkrechten befand, kippte Newman zur Seite weg. Jefferson fing ihn auf und setzte ihn auf den Stein.
„Bei mir dreht sich alles“, beklagte Newman.
„Sie brauchen Wasser“, stellte Jefferson fest. „Ich werde den Wagen holen. Warten Sie hier.“
Jefferson sprintete zu seinem Auto und fuhr hastig zu Newman, der vornübergebeugt auf dem Stein saß. Er sprang hinaus, ging um das Fahrzeug herum, öffnete die Beifahrertür und begab sich zu Newman.
„Ich führe Sie zum Wagen“, sagte er.
Newman erhob sich unter Qualen, ging langsam von Jefferson gestützt zum Auto und stieg ein. Jefferson schlug die Tür zu und begab sich von der anderen Seite hinter das Steuer. Er reichte Newman eine Flasche Wasser, die dieser gierig in sich hineinschüttete.
„Wir haben ein Problem“, sagte Jefferson. „Ich kann Sie nicht in die Stadt und dort in ein Krankenhaus bringen, was für Sie sicherlich das Beste wäre. Ich bin nur unter einem Vorwand aus dem Lager herausgekommen und kann nicht unbemerkt stundenlang wegbleiben. Also müssen wir wohl oder übel wieder dorthin zurück. Das ist aber logischerweise nicht so einfach. Immerhin hat Sie der Boss hier draußen ausgesetzt, um Sie loszuwerden und ich selbst habe mich, wie gesagt, auch nur davongeschlichen. Meinen Sie, Sie könnten für einen Moment im Kofferraum verschwinden?“
Newman schien wieder allmählich ins Leben zurückzufinden. „Dieser verfluchte Hurensohn“, schimpfte er. „Wie kommt er dazu, mich einfach in der Wüste zurückzulassen? Man müsste ihn selbst auf dem Boden anpflocken und in der Sonne liegen lassen, wie Dörrobst. Aber das lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich muss zurück ins Lager, auch wenn es erforderlich ist, dass ich mich dazu in den Kofferraum zwänge.“
„Ich hoffe nur, dass wir am Tor nicht kontrolliert werden“, bemerkte Jefferson.
Newman war fest entschlossen. „Was haben wir für eine andere Wahl? Fahren Sie schon los.“
Jefferson startete den Motor und fuhr zurück zur Sandpiste, der er in Richtung Lager folgte. „Wir müssen trotzdem vorsichtig sein“, sagte er. „Auch wenn Sie stinksauer auf den Boss sind, riskieren Sie am Ende doch noch Ihr Leben, wenn Sie einen unbedachten Rachefeldzug planen. Sie müssen ohnehin erst einmal untertauchen.“
„Das ist richtig“, räumte Newman ein. „Unachtsamkeit und blinder Hass sind sicherlich die falschen Berater. Es geht mir nicht nur allein um das unwürdige Verhalten mir gegenüber, sondern auch darum, dass ich endlich wissen will, was hier gespielt wird. Wofür ist dieses Lager? Was wird dort getrieben?“
„Ich kann Ihnen dazu keine näheren Angaben machen.“
„Können? Sie dürfen nicht, wollten Sie wohl eher sagen. Schließlich sind Sie der Forschungsleiter.“
„Ja, aber ich habe meine Order.“
„Ich verstehe.“ Newman drehte beleidigt seinen Kopf weg.
„Wissen Sie wirklich nicht, wo die Testberichte abgeblieben sind?“, lenkte Jefferson das Gespräch in eine andere Richtung. „Sie meinten, dass sie vielleicht verbrannt wären. Aber denken Sie nicht, dass die Geschäftspartner das Auto zuerst untersucht haben, bevor sie es in Brand steckten?“
Newman reagierte zunächst nicht, dann kam ihm ein Gedanke. Seine Stimmung hellte sich wieder auf. „Es kann sein, dass ich eventuell doch noch mehr weiß, als ich zugebe. Ich schlage Ihnen einen Deal vor: Wenn Sie mir verraten, was in dem Lager vor sich geht und was es mit den Geschäftspartnern auf sich hat, werde ich Ihnen weitere Informationen liefern.“ Er wusste genau, dass er seinen Teil der Abmachung nicht einhalten könnte, aber es war ihm egal. Was hatte er zu verlieren?
„Wer garantiert mir, dass Sie wirklich noch mehr wissen?“, reagierte Jefferson skeptisch. „Wieso haben Sie nicht gleich vorhin alles erzählt? Immerhin arbeiten wir für dasselbe Unternehmen.“
„Wissen Sie, ich habe seit dem Beginn der Erfüllung meines Auftrags so viele kuriose Dinge erlebt, dass ich eher vorsichtig bin, mit dem, was ich sage. Das werden Sie sicher verstehen. Wenn die eigene Familie entführt wird und man von einem skrupellosen Untier an der Kette durch den Dreck geschleift wird, traut man keiner Person mehr, auch wenn sie derselben Firma angehört.“
Jefferson zögerte einen Moment. „Also gut“, lenkte er schließlich ein. „Abgemacht. Aber dann erzählen Sie mir zuerst, was Sie wissen.“
„Nein, nein, nein“, wehrte Newman energisch ab. „Wer garantiert mir, dass Sie wirklich etwas preisgeben, nachdem ich gesprochen habe?“
„Ich gebe Ihnen mein Wort.“
„Das reicht mir nicht.“
Jefferson musste einsehen, dass er so nicht weiterkam. „In Ordnung, ich fange an“, sagte er. „In dem Lager werden pharmazeutische Tests durchgeführt. Es geht um ein Präparat, das strengster Geheimhaltung unterliegt. Die Geschäftspartner stellen uns hierfür dieses Lager zur Verfügung.“ Er bemühte sich, die Informationen möglichst oberflächlich zu halten und nicht ins Detail zu gehen. Newman war damit aber nicht zufrieden.
„Wieso werden diese Tests ausgerechnet hier in Algerien durchgeführt? Und was ist mit den Männern, die wie räudige Straßenköter in Zellen gehalten werden?“
„Wir sind gleich beim Lager“, flüchtete sich Jefferson aus der Situation.
„Halten Sie an“, befahl Newman. „Sofort!“
Jefferson fuhr rechts heran und stoppte. „Sie müssen jetzt in den Kofferraum“, sagte er.
„Nein, nicht bevor Sie mir alles erzählt haben“, gab Newman zu verstehen.
Jefferson war ein gewisses Unbehagen anzusehen. „Warten Sie, ich werde Ihnen hierzu etwas aus dem Handschuhfach herausholen“, äußerte er und beugte sich hinüber. Er öffnete die Klappe, kramte etwas in dem Fach herum und hielt dann plötzlich eine Pistole in der Hand, die er gegen Newman richtete. „Sagen Sie mir jetzt endlich, was Sie noch wissen, oder ich befördere Sie endgültig ins Jenseits!“, schrie er.
Newman erschrak. „Seien Sie doch vernünftig. Wollen Sie wirklich einen Mord an der Backe haben?“
„Denken Sie, dafür interessiert sich hier in dieser Ödnis jemand? Von Ihnen wird nichts übrig bleiben, außer ein paar Klamotten, die der Wind weiter in die Wüste trägt. Was wissen Sie noch? Reden Sie endlich!“
„Ich weiß nicht mehr, als das, was ich Ihnen bereits erzählt habe.“
„Das heißt, Sie haben mich eben angelogen?“ Jefferson bewegte die Pistole weiter zu Newmans Kopf. „Sie wissen also gar nicht mehr?“
„Genau das!“, fing Newman an zu schreien.
„Dann kann ich ja froh sein, dass ich nicht mehr gesagt habe. Aussteigen! Aber sofort!“
Newman reagierte nicht und blieb demonstrativ sitzen.
„Steigen Sie gefälligst aus!“, schrie Jefferson.
„Sie wollen mich wirklich hier draußen verrecken lassen?“, fragte Newman. „Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?“
„Lassen Sie das meine Sorge sein. Schließlich hat Sie der Boss in der Wüste ausgesetzt und nicht ich.“
Newman versuchte, die Situation zu entschärfen. „Hören Sie, ich habe sicherlich einen Fehler gemacht. Aber können wir uns nicht irgendwie arrangieren? Ich werde Ihnen helfen, herauszufinden, wo die Testberichte abgeblieben sind.“
Jefferson lachte. „Wie wollen Sie das anstellen? Gehen Sie zum Boss und sagen: Hier bin ich wieder, können Sie mir vielleicht Auskunft geben, wo die Testberichte sind?“
„Nein, natürlich nicht. Aber ich könnte meinen Sohn darauf ansetzen, etwas in Erfahrung zu bringen.“
„Wer sollte Ihrem Sohn etwas erzählen?“
„Erzählen nicht unbedingt. Er ist doch aber für Hilfsdienste eingeteilt und hat dadurch unter Umständen die Möglichkeit, bis zum Boss vorzudringen und dort etwas mitzukriegen.“
„Ich habe schon einen Mitarbeiter der Geschäftspartner angesetzt“, winkte Jefferson ab. „Was brauche ich da Ihren Sohn.“
„Er gehört eben nicht zu den Geschäftspartnern“, erklärte Newman, „und ist von daher uns gegenüber vertrauenswürdiger. Denken Sie, man erzählt Ihnen wirklich die Wahrheit? Außerdem wird einem Jugendlichen weniger Aufmerksamkeit geschenkt als einem Erwachsenen. Er kann sich unauffälliger bewegen, da niemand ahnt, was er für eine Aufgabe hat.“
Jefferson überlegte und ließ die Waffe nach unten sinken. „Dann brauche ich Sie aber trotzdem nicht. Ich kann mich direkt an Ihren Sohn wenden. Schließlich bringen Sie mich in Gefahr, wenn wir den Lagerposten passieren. Was ist, wenn man Sie entdeckt?“
„Mein Sohn wird sich kaum darauf einlassen. Er hat einen scharfen Verstand. Er hat Sie doch sicherlich gebeten, mich zu suchen. Von sich aus sind Sie doch bestimmt nicht auf diese Idee gekommen. Also wird er nachfragen, warum Sie nicht fündig geworden sind. Natürlich können Sie ihm alles Mögliche erzählen, die Wüste ist groß. Abgesehen davon, dass es fraglich ist, ob er Ihnen Ihre Lügengeschichte abnimmt, wird er nicht aufgeben, bis er mich gefunden hat. Er wird bis dahin für Ihre Interessen kein offenes Ohr haben.“
„Halten Sie endlich den Mund“, sagte Jefferson gereizt, „und steigen Sie gefälligst in den Kofferraum.“
40. Kapitel
Burns drückte beim Laboreingang die Zahlenkombination des Türschlosses, das daraufhin den Weg freigab. Zusammen mit dem Detektiv trat er ein. Es war ein aufgeregtes Stimmengewirr zu hören. Burns folgte der Geräuschquelle und stieß auf Mitarbeiter, die sich lautstark mit dem Wachdienst auseinandersetzten, der gerade dabei war, die Spinde zu durchsuchen.
„Ruhe!“, schrie Burns. Der Aufruhr endete abrupt. „Ich habe gehört, dass einige von Ihnen die Ermittlungsarbeit des Wachdienstes behindern. Ich weiß, dass er nicht so ohne weiteres befugt ist, die Schränke zu durchsuchen. Wir haben es hier jedoch mit einer außerordentlichen Situation zu tun. Aus dem Labor sind wichtige Utensilien gestohlen worden. Da wir bisher keine Spuren eines gewaltsamen Zutritts finden konnten, liegt leider der Verdacht nahe, dass einer der Labormitarbeiter dafür verantwortlich ist.“
Ein Raunen erhob sich, so ungeheuerlich erschien vielen die Anschuldigung.
„Ich appelliere deshalb an Ihre Vernunft“, fuhr Burns mit erhobener Stimme fort, „die notwendigen Untersuchungen zuzulassen. Wir brauchen die Gewissheit, da ein Verlust der Sachen weitreichende Konsequenzen haben könnte. Auch für Sie. Ich möchte mich nicht dazu gezwungen sehen, schärfere Schritte einzuleiten. Bis die Überprüfung abgeschlossen ist, müssen Sie leider hier bleiben. Ich werde Ihnen die Zeit als Überstunden anrechnen und entsprechend ausgleichen. Eine Sache noch: Ich bestehe darauf, dass nichts, aber auch gar nichts dieses Vorfalls nach außen getragen wird. Weder der Verlust der Laborutensilien, noch diese Durchsuchung. Das bezieht sich auch auf Kontakte zu Kollegen in anderen Fachbereichen unseres Unternehmens. Sie sind in Bezug auf Firmeninterna zur Verschwiegenheit verpflichtet und die Sachlage erfordert es, dass Sie sich uneingeschränkt daran halten. Sagen Sie das auch Ihren Kollegen, die jetzt nicht hier sind.“
Wieder erhob sich ein vorwurfsvolles Gemurmel, begleitet von fassungslosem Kopfschütteln.
„Wieso wird nicht die Polizei mit eingeschaltet?“, rief einer der Laboranten.
„Warum wird daraus so ein Geheimnis gemacht? Haben Sie etwas zu verbergen?“, wollte ein anderer wissen.
„Die Gewerkschaft hat schon Konsequenzen angekündigt“, bemerkte ein Dritter.
„Ich habe einen Detektiv engagiert“, erklärte Burns. „Es geht hier um unser Image nach außen. Wenn wir aus der Angelegenheit eine große Sache machen, laufen wir Gefahr, dass die Konkurrenz Wind davon bekommt und die Situation für ihre Zwecke ausnutzt. Wir mussten aufgrund der gegebenen Umstände kurzfristig handeln, deswegen die Überprüfung durch unseren Wachdienst.“
„Es kann doch aber immer mal passieren, dass etwas gestohlen wird“, wandte ein Mitarbeiter ein. „Das braucht doch nicht verheimlicht werden.“
„Wenn es aber doch einer unserer Leute war, lege ich keinen gesteigerten Wert darauf, diese Tatsache da draußen breitzutreten“, sagte Burns scharf. „Ich möchte jetzt keine weitere Diskussion. Akzeptieren Sie bitte meine Vorgaben. Wenn die Sache geklärt ist, werde ich Sie angemessen entschädigen.“
Mr. Bedford war zwischenzeitlich hinzugekommen, an den sich Burns nun wandte. „Wir müssen reden. Am besten gehen wir in Ihr Büro.“
Die beiden Männer ließen die Belegschaft zurück und begaben sich in den besagten Raum. Eliot folgte ihnen.
Nachdem die Tür geschlossen war, sagte Burns: „Ich hoffe, es gibt keine weiteren Probleme.“
„Im Moment nicht“, meinte Bedford. „Aber die ganze Sache kann noch einen bitteren Nachgeschmack bekommen.“
„Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich will Ihnen viel lieber Mr. Eliot vorstellen. Er ist Privatdetektiv und wird sich der Angelegenheit annehmen.“
Eliot trat hinter Burns hervor und schüttelte Bedford die Hand.
„Ich hoffe, Sie können etwas herausfinden“, sagte Bedford. „Sie sehen ja selbst, was los ist. Wir müssen alles daran setzen, die angespannte Situation zu entschärfen, und zwar so schnell wie möglich.“
„Dazu bin ich hier“, bestätigte Eliot. „Ich frage mich nur aufgrund der Ereignisse, die ich soeben mitbekommen habe, ob es ein kluger Schachzug war, die Massendurchsuchung der Mitarbeiterspinde anzuordnen. Dadurch wird ein Aufsehen erweckt, das uns eher hinderlich sein kann.“
Burns hatte zwar mittlerweile selbst erkannt, dass seine Anweisung überzogen und aus einem blinden Affekt heraus entstanden war, wollte sich dies jedoch nicht anmerken lassen. „Das ist vielleicht Ihre Meinung“, sagte er patzig, „aber ich muss im Interesse der Firma handeln. Wissen Sie, es geht hier nicht um ein herkömmliches Produkt, sondern um etwas ganz Neues. Etwas, das es noch nie gegeben hat. Deshalb bin ich diesbezüglich besonders empfindlich. Das werden Sie verstehen.“
„Trotzdem hätten Sie sich zuerst mit mir in Verbindung setzen sollen“, meinte Eliot. „Die Diskretion, auf die Sie eigentlich Wert legen, haben Sie jedenfalls selbst zunichte gemacht. Die Information ist nun breit gestreut, und ich wage zu bezweifeln, dass jeder seinen Mund hält.“
„Schluss jetzt!“, entfuhr es Burns wütend. „Ich habe keine Lust, mir weiterhin von Ihnen Vorhaltungen machen zu lassen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit. Das habe ich Ihnen vorhin schon gesagt.“
Eliot zuckte zusammen. Obwohl er bereits in Burns Büro Bekanntschaft mit den Ansichten und Ausbrüchen seines Auftraggebers machen durfte, hatte er wieder ins Wespennest gestochen. Der Giftstachel folgte prompt. Also zog er sich wieder zurück. „Gut, wie Sie meinen“, sagte er. „Dann würde ich jetzt gerne mit der Laborantin reden, die den Verlust bemerkt hat.“
„Ich werde Sie hinführen“, sagte Bedford, ging zur Tür und geleitete die beiden Herren in den Flur. Als sie den Raum erreicht hatten, klopfte der Laborleiter an.
„Ja, bitte“, ertönte es von innen.
Die drei Männer traten ein.
Lucy war gerade am Schrank und holte die Sachen heraus, die mit dem Präparat in Verbindung standen, und stellte sie auf einen fahrbaren Laborwagen. „Ach, Mr. Bedford. Haben Sie schon etwas Neues herausgefunden?“
„Leider nein. Aber ich darf Ihnen Mr. Eliot vorstellen. Er ist Detektiv und wird die Angelegenheit untersuchen.“
Eliot schüttelte ihr die Hand. „Ist der Diebstahl in diesem Raum passiert?“, wollte er wissen.
„So ist es“, bestätigte Lucy. „Der Behälter mit den Mixturen stand hier auf dem Schreibtisch, der andere mit den Blättern im Schrank. Ich musste ein Reagenz zu einem Kollegen bringen und habe kurz das Zimmer verlassen. Als ich zurückkam, waren die Mixturen verschwunden und der Vakuumbehälter stand ohne Inhalt offen auf dem Tisch. Den zweiten Behälter hat dann später eine Kollegin aus dem Müll gefischt und uns gegeben.“
„Haben Sie seitdem hier drinnen etwas verändert?“, fragte der Detektiv weiter.
„Ich suche gerade alles zusammen, was mit dem Präparat zu tun hat, um es im Keller in einem der Sicherheitsschränke zu verstauen. Außerdem hat Mr. Burns die Behälter für die Beweissicherung mitgenommen.“
„Er hat sie mir gezeigt. Es wäre vielleicht besser gewesen, Sie hätten alles so stehen gelassen, wie sie es vorgefunden haben.“
Burns fing an, sich erneut aufzubauen, sank dann aber ohne ein Wort wieder in sich zusammen, auch wenn es ihm schwerfiel. Schließlich war er kein Kriminologe. Woher sollte er es wissen? Ihn nervte die überhebliche Art von Eliot.
„Warum sollen die Sachen in den Keller?“, fragte der Detektiv weiter.
„Dort sind sie sicherer“, gab Burns zu verstehen. „Mir ist es lieber, alles in Sicherheit zu bringen, bevor noch mehr verschwindet.“
„Tragen Sie bei der Arbeit immer Handschuhe?“, wollte Eliot weiterhin von Lucy wissen.
„Wenn ich mit Reagenzien hantiere schon.“
„Das heißt, Sie hinterlassen in der Regel auf Gläsern oder Behältern keine Fingerabdrücke.“
„Doch. Wenn ich die Sachen aus dem Schrank hole, oder wieder hineinstelle, habe ich in der Regel keine Handschuhe an.“
„Wer arbeitet hier mit Ihnen zusammen?“
„Bezüglich des aktuellen Projekts derzeit nur Mr. Bedford.“
„Wo waren Sie zur Tatzeit?“, wandte sich der Detektiv an den Laborleiter.
„Ich habe einem neuen Mitarbeiter, der sich mit dem betreffenden Präparat befassen soll, und seinem Begleiter das Labor gezeigt.“
„Wo sind diese Leute jetzt?“
„Nach dem Vorfall habe ich sie gebeten, zu gehen.“
„Kann es sein, dass einer von den beiden tatverdächtig ist?“
Burns schaltete sich ein. „Das ist völlig ausgeschlossen. Mr. Olofsson, der neue Mitarbeiter, war gerade mit Mr. Bedford in einem der Räume und Dr. Lindström, sein Begleiter, ist ein ehemaliger Arbeitskollege und Freund von mir.“
„War Ihr Freund auch bei Mr. Bedford?“
„Nein. Er hatte kurz die Toilette aufgesucht.“
„War er denn auch wirklich dort?“
Burns platzte nun doch der Kragen. „Hören Sie auf, ihn zu verdächtigen“, sagte er gereizt. „Er war es hundertprozentig nicht. Ich verbürge mich für ihn. Lassen Sie ihn das bloß nicht hören, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun.“
Eliot hatte nun auch genug von Burns herrischer Art. „Entweder wir arbeiten zusammen, oder ich kann gleich wieder gehen“, wehrte er sich vorwurfsvoll.
„Meine Herren“, ging Bedford dazwischen. „Seien Sie doch vernünftig. Mr. Eliot muss nun einmal in sämtliche Richtungen ermitteln. Wenn wir Dr. Lindström ausschließen können, ist die Sache doch schon erledigt.“
„Ich schließe erst jemanden aus, wenn ich Beweise habe“, bemerkte Eliot pikiert. Burns blickte reserviert und schwieg.
„Fahren Sie bitte fort“, sagte Bedford um eine Weiterführung der Ermittlungen bemüht.
„War der Raum offen oder abgeschlossen, als Sie ihn verlassen haben?“, löste sich der Detektiv aus seiner beleidigten Haltung an Lucy gewandt.
„Er war offen. Aufgrund der Sicherheitseinrichtung am Laborzugang sehen wir es eigentlich nicht als erforderlich an, immer abzuschließen.“
„Wer kennt die Kombination des dort befindlichen Zahlenschlosses?“
„Nur die Labormitarbeiter und die Geschäftsführung.“
„War der Behälter auf dem Schreibtisch beziehungsweise auch derjenige im Schrank abgeschlossen?“
„Nein, sie haben kein Schloss. Sie kommen nach Arbeitsende in einen abschließbaren Schrank, der aber zu dem Zeitpunkt offen war.“
„Demnach brauchte sich der Täter nur bedienen“, stellte Eliot fest. „Die Behälter wurden also nur von Ihnen berührt und derjenige mit den Mixturen zusätzlich von der Kollegin, die ihn gefunden hat. Ist das richtig?“
„So ist es.“
„Dann brauche ich Ihre Fingerabdrücke und die der Kollegin.“ Eliot legte den silbernen Koffer, den er bei sich hatte, auf den Tisch, öffnete ihn und holte ein Gerät heraus. Bedford verschwand unterdessen und holte die Mitarbeiterin. „Dies ist ein Fingerabdruckscanner“, erklärte der Detektiv. „ Ich würde Sie bitten, Ihre Finger auf dieses Feld zu legen.“
Lucy folgte der Anweisung.
Kurz darauf betrat die Frau zusammen mit Bedford den Raum und legte ebenfalls ihre Finger auf das Gerät.
„Wo haben Sie den Behälter gefunden?“, wollte Eliot von ihr wissen.
„In einem Mülleimer gleich hier draußen rechts im Gang. Ich wollte gerade etwas hineinwerfen, als mir zufällig der Behälter auffiel. Da ich mitbekommen hatte, dass etwas gestohlen wurde, habe ich ihn sofort hierher gebracht.“
„Sonst ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Nein.“
„Gut, Sie können gehen. Haben Sie irgendwo ein Zimmer, in dem ich ungestört arbeiten kann?“, fragte Eliot.
„Natürlich“, sagte Bedford und wies ihm den Weg zu einem abseits gelegenen Raum, in dem diverse Geräte abgestellt und mit Tüchern abgedeckt waren. An der Seite stand ein Schreibtisch mit Stuhl. Eliot legte seinen Koffer auf den Tisch. „Danke“, sagte er. Er wandte sich an Burns, der den beiden gefolgt war und ließ sich von ihm die Beutel mit den Behältern geben. „Ich werde jetzt mit meinen Ermittlungen beginnen und mich melden, sobald ich neue Erkenntnisse gewonnen habe.“
„Gut, dann lassen wir Sie jetzt allein“, sagte Burns, der sich wieder gefangen hatte. „ Bei Fragen können Sie sich vertrauensvoll an Mr. Bedford wenden. Sie wissen ja, wo er zu finden ist.“
Die beiden Männer gingen und schlossen die Tür hinter sich. Eliot öffnete erneut seinen Koffer, holte einen Laptop heraus und öffnete ihn. Dann verband er den Fingerabdruckscanner mit dem Computer und schaltete beide Geräte ein. Anschließend zog er dünne Handschuhe an und holte die Behälter aus den Tüten. Er nahm ein Glas mit Graphitpulver aus dem Koffer und brachte es mit einem Pinsel auf den Oberflächen auf. Besonders gut erhaltene Fingerabdrücke sicherte er mit einer Klebefolie, die er danach einscannte. Mittels eines speziellen Programms bearbeite er die Fingerabdrücke nach und verglich sie mit den Scans der beiden Laborantinnen. Einige waren identisch, doch es waren auch Abdrücke dabei, die einer anderen Person gehören mussten.
41. Kapitel
Jefferson fuhr langsam auf das Lager zu. Sein Puls beschleunigte sich und der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Newman verharrte regungslos im Kofferraum. Unter Schmerzen hatte er sich hineinbegeben und zusammengekauert wie ein Fötus im Mutterleib. Plötzlich zuckte Jefferson zusammen. Er erkannte den Boss, der vor dem Gebäude stand und mit einem seiner Leute sprach. Er hielt an und beobachtete das weitere Geschehen. Sein Fahrzeug war vom Lager aus zu sehen.
Hoffentlich bemerkt mich der Boss nicht und geht zurück ins Haus, dachte Jefferson unter einem Anflug von Panik. Doch dann geschah genau das. Der Kopf des Bosses drehte sich in Richtung des Wagens. Kurz danach gab er den Wachen am Tor eine Anweisung, die daraufhin das zu schützende Objekt öffneten. Einer von ihnen jagte mit einem Motorrad zu Jeffersons Auto und hielt neben der Fahrertür an. Jefferson kurbelte das Fenster herunter.
„Ach, Sie sind es“, sagte der Mann. „Warum stehen Sie hier draußen und fahren nicht ins Lager?“
Jefferson suchte verzweifelt nach einer Antwort. Was sollte er sagen? Er blickte erneut zum Lager und stellte fest, dass der Boss mittlerweile verschwunden war. Das war seine Chance. „Mich hat gerade jemand auf dem Handy angerufen“, sagte er schließlich. „Ich werde jetzt weiterfahren.“
„Gut, dann können wir das Tor gleich offen lassen“, sagte der Mann, wendete und schoss mit dem Motorrad zurück. Jefferson folgte. Als er gerade das Tor passierte, öffnete sich die Tür des Gebäudes und der Boss trat heraus. Jefferson gefror das Blut in den Adern. Als der Boss ihn erkannte, hob er die Hand. Jefferson dachte aber gar nicht daran, anzuhalten und drückte aufs Gaspedal. Im nächsten Moment war er hinter seiner Baracke verschwunden, stellte den Motor ab, sprang aus dem Wagen und öffnete den Kofferraumdeckel.
„Sie müssen schnell aussteigen!“, sagte er hektisch zu Newman.
„Schnell? Sie vergessen, dass ich Verletzungen habe“, entgegnete Newman.
„Der Boss wird gleich da sein. Er hat mich gesehen und zum Anhalten aufgefordert.“
Newman erkannte den Ernst der Lage und quälte sich mit schmerverzerrtem Gesicht aus seinem Versteck. Jefferson hatte bereits die Hintertür der Baracke geöffnet und blickte sich nervös um, ob der Boss schon im Anmarsch war. Gerade als Newman in der Tür verschwunden war, zuckte Jefferson zusammen.
„Hände hoch!“, befahl eine Männerstimme, die sich hinter ihm befand.
Jefferson zog die Tür zu und erhob die Hände.
„Und jetzt umdrehen!“, folgte die nächste Anweisung.
Jefferson befolgte sie und sah einen Soldat, der eine Pistole auf ihn richtete.
„Der Boss möchte dich sehen“, sagte der Mann kühl.
Jefferson setzte sich in Bewegung und ging zu dem Gebäude, das er so verfluchte. Der Soldat schubste ihn hinein und klopfte beim Boss an die Tür.
„Herein!“, klang es schroff von drinnen.
Der Mann öffnete die Tür und deutete Jefferson mit einem Kopfschwenk an, dass er eintreten solle. Als Jefferson die Höhle des Löwen betreten hatte, schloss der Soldat die Tür und postierte sich hinter ihm mit gespreizten Beinen. Der Boss saß in einem Sessel, hatte die Beine hochgelegt und zündete sich gerade eine Zigarre an. „Wo waren Sie?“, fragte er kritisch.
„Ich musste kurz weg“, stammelte Jefferson, der sich am liebsten in den Hintern gebissen hätte, dass er sich auf die Rettung Newmans eingelassen hatte. Jetzt befand er sich in der Klemme und vor allem in Erklärungsnot.
„Was soll das heißen: Kurz weg?“, sagte der Boss und kniff die Augen bedrohlich zusammen. „Wie kann es sein, dass die Wachposten Sie durchgelassen haben, ohne Genehmigung?“
„Es war eine Notsituation. Ich hatte nicht die Zeit, eine Genehmigung zu beschaffen.“
„So, eine Notsituation?“, stellte der Boss ungläubig fest. „Was soll denn das für eine Notsituation gewesen sein? Sind Sie etwa Ihrem Kollegen Newman zur Hilfe geeilt?“
Jefferson war ertappt. Warum war ihm keine bessere Ausrede eingefallen? Stattdessen stammelte er etwas von Notsituation und führte den Boss genau dorthin, wo er ihn eigentlich gar nicht haben wollte. „Nein, das natürlich nicht“, wehrte er ab.
„Was dann?“ Der Boss schien die Ruhe zu bewahren, aber Jefferson kam es vor, als ob es eine Taktik war, um ihn nur noch nervöser zu machen.
„Vorhin hat sich Burns bei mir auf dem Handy gemeldet, aber der Empfang war schlecht. Also habe ich gedacht, wenn ich meinen Standort verlagern würde, wäre es unter Umständen besser.“
„Und? War es das?“
„Ja, dort draußen war es wirklich besser.“ Jefferson fiel ein Stein vom Herzen, dass ihm diese Ausrede eingefallen war.
„Es ist nur merkwürdig, dass Sie den Wachposten beim Verlassen des Lagers eine Genehmigung gezeigt haben.“ Der Boss zog genüsslich an seiner Zigarre und blies den Rauch mit kühler Miene in den Raum.
Jeffersons Adrenalinspiegel, der gerade gesunken war, schnellte erneut in die Höhe. Verdammt, dachte er. Wenn er herausfindet, dass ich das Dokument manipuliert habe, bin ich geliefert. Die Schlinge zog sich immer weiter zu. Er konnte ja nicht das Gegenteil behaupten. „Ich habe die Genehmigung für morgen vorgezeigt“, räumte er ein. „Es tut mir leid, aber das Telefonat mit Burns war so wichtig, dass ich einen schnellen Weg finden musste, um hinauszugelangen.“
Der Boss schlug mit der Faust auf die Armlehne des Sessels. „Jetzt ist Schluss mit Märchenstunde“, fauchte er. „Erzählen Sie mir nicht so einen Blödsinn. Die Wache hat das Dokument genau geprüft. Es stand definitiv das heutige Datum darauf. Geben Sie zu, dass Sie die Genehmigung abgeändert haben!“
Jefferson blieb die Luft weg. Er hatte keine Möglichkeit mehr, glimpflich aus der Sache herauszukommen. „Gut, Sie haben Recht“, sagte er leise. „Ich habe mir nicht anders zu helfen gewusst.“
„Sie geben es also zu. Das ist einfach ungeheuerlich! Wissen Sie, wie man das nennt? Urkundenfälschung. Und außerdem: Die Sache mit dem Handyempfang nehme ich Ihnen auch nicht ab. Ich vermute vielmehr, dass Sie Newman geholt haben. Aber er wird nicht weit kommen. Ich werde das gesamte Lager nach ihm absuchen lassen. Wenn ich ihn in die Finger kriege, mache ich Hackfleisch aus ihm und zwar vor Ihren Augen und denen seines Sohnes. Dann ist endgültig Schluss. Ich lasse mich nicht länger an der Nase herumführen. Was Sie betrifft, sehe ich mich gezwungen, Sie genauer observieren zu lassen. Ihren morgigen Ausflug nach London können Sie jedenfalls vergessen. Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Forschungsarbeit.“
Jefferson hatte in Bezug auf seine Person mit Schlimmerem gerechnet, aber der Boss wusste offensichtlich, wie wertvoll er für seinen Profit war. „Ich möchte mich auch aufrichtig entschuldigen“, sagte er. „Es soll nie wieder vorkommen.“ Er zögerte und überlegte, ob er die Situation nutzen sollte, um das in Erfahrung zu bringen, was er herausfinden sollte. Wenn er es jetzt nicht anbringen würde, könnte er noch ewig im Nebel herumstochern und Burns wartete schließlich auf eine Antwort. „Eine Sache noch“, überwand er sich schließlich. „Sie haben die Forschungsarbeit angesprochen. Uns fehlen momentan die Grundlagen für die weiteren Tests.“
„Die Pillendosen habe ich hier bei mir“, gab der Boss zu verstehen. „Aber ich werde sie erst weitergeben, wenn sich unsere geschäftlichen Beziehungen wieder normalisiert haben, denn das scheint mir momentan nicht der Fall zu sein.“
„Und was ist mit den Testberichten?“ Jefferson erwartete gespannt die Antwort.
„Die Testberichte? Die hatte sich Newman gekrallt, ohne dass wir im Gegenzug unser Geld bekommen haben. Er dachte, er wäre besonders clever und hatte die Berichte in seinem Auto versteckt. Doch wir haben sie natürlich gefunden und als Dank seine Kiste in Brand gesteckt.“
Jetzt war es raus. Die Testberichte existierten noch. Es war nur die Frage, wo sie der Boss aufbewahrte.
„Was soll damit geschehen?“, fragte Jefferson weiter.
„Für die gilt das gleiche, wie für die Pillen.“
„Aber wie soll ich mich dann meiner Forschungsarbeit widmen?“
„Ich werde erst die Sache Newman abschließen, und zwar endgültig.“
Jefferson setzte an, etwas zu sagen, doch der Boss unterband dieses Vorhaben, indem er weitersprach. „Danach möchte ich die Kohle sehen, die mir zusteht und dann, mein lieber Jefferson, sind Sie wieder an der Reihe. Habe ich mich klar ausgedrückt? Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden, um das Geld zu beschaffen, und zwar in bar. Ihre Schecks können Sie sich an den Hut stecken. Außerdem erwarte ich eine angemessene Entschädigung für die Vorfälle.“ Er deutete mit dem Finger in Richtung seines Schreibtisches. „Genau dort möchte ich das Geld sauber aufgestapelt liegen sehen. Lassen Sie die Frist ergebnislos verstreichen, bekommen Sie gar nichts und die geschäftlichen Beziehungen sind endgültig beendet. Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Und noch etwas: Sie haben bis auf weiteres Ausgangssperre. Deswegen möchte ich von Ihnen Ihren Autoschlüssel, damit Sie nicht noch einmal so eine Dummheit begehen.“
Jefferson zögerte.
„Wird’s bald?“, schrie der Boss ungeduldig.
Jefferson zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche. Ehe er sich versah, trat der Mann, der hinter ihm stand, an ihn heran und entriss diesen ihm.
„Und jetzt verschwinden Sie!“, fauchte der Boss.
Jefferson machte einen erneuten Versuch der Äußerung, doch weit kam er nicht.
„Verschwinden Sie!“, schrie der Boss und bäumte sich in seinem Sessel auf.
Jefferson wurde von dem Mann, der noch hinter ihm stand, grob an der Schulter gepackt und aus dem Raum katapultiert. Am Ausgang des Gebäudes wurde er so heftig nach draußen gestoßen, dass er zu Boden fiel und zunächst benommen liegen blieb. Als er sich wieder gefangen hatte, stand er langsam auf, ging zu seiner Baracke und trat ein. Newman war nirgends zu sehen. Hoffentlich hatten sie ihn noch nicht gefunden.
„Newman“, rief er mit unterdrückter Stimme. „Sind Sie da?“ Nichts tat sich. Er fing an, die Räume zu durchsuchen. Plötzlich wurde von draußen die Tür aufgerissen und mehrere bewaffnete Männer stürmten herein.
„Was soll das?“, fragte Jefferson erschrocken. „Was haben Sie vor?“
Die Eindringlinge wussten genau, wonach sie suchten und begannen, alles auf den Kopf zu stellen.
„Hören Sie doch auf“, wehrte sich Jefferson. „Newman ist nicht hier, wenn Sie das meinen. Er ist dort draußen in der Wüste und wartet auf seinen Tod.“
Doch die Männer reagierten nicht und durchkämmten zielstrebig Raum für Raum. Jefferson wusste zwar, dass der Boss Newman suchen wollte, aber dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht gedacht. Er hatte noch nicht einmal die Gelegenheit, Newman zu warnen. Er hoffte inständig, dass sie ihn nicht finden würden, denn dann wäre nicht nur Newman auf der Abschussliste. Er konnte die Geschehnisse nicht mehr beeinflussen. Doch dann stürmten die Männer so schnell hinaus, wie sie hereingekommen waren. Anscheinend hatte das Schicksal doch ein Erbarmen. Dennoch fragte er sich, wo sich Newman aufhielt. Er setzte sich auf einen Stuhl, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Ereignisse des Tages hatten ihm zugesetzt.
„Mr. Jefferson“, sagte plötzlich eine Stimme. Jefferson fuhr nach vorne und riss die Augen auf. Vor ihm stand Newman.
„Wo waren Sie?“, wollte der Forschungsleiter wissen.
„Ich habe mich in einem der hinteren Räume versteckt. Als ich die Männer hereinkommen hörte, habe ich mich durch die Hintertür nach draußen geschlichen.“
„Das hat Ihnen das Leben gerettet“, stellte Jefferson fest und erhob sich von seinem Stuhl. „Der Boss hat den Verdacht, dass ich Sie geholt habe, obwohl ich ihm etwas anderes erzählt habe. Aber er glaubt mir nicht. Ich könnte mich selbst ohrfeigen, dass ich diese Aktion durchgeführt habe. Ich habe leichtfertig das Projekt aufs Spiel gesetzt. Ich hoffe nur für Sie, dass sich der Boss wieder beruhigt. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie entdeckt werden. Dann kann ich ihn jedenfalls davon überzeugen, dass sein Verdacht falsch ist. Wir müssen ein Versteck finden, in dem Sie niemand vermutet. Aber wo?“
„Ich bin doch hier zunächst sicher“, bemerkte Newman. „Schließlich wurde die Baracke bereits erfolglos durchsucht.“
„Aber die Bestien können zurückkommen. Die geben keine Ruhe, bis sie Sie gefunden haben. So ein verdammter Mist! Wenn Burns davon erfährt, wird er mich runterlassen, bis ich unter einen Fingerhut passe.“ Jefferson ging nervös auf und ab und versuchte eine Lösung zu finden. Dann kam ihm ein Einfall.
„Hinter der Baracke mit den Zellen befindet sich ein Abstellraum, der mit allem möglichen Gerümpel gefüllt ist“, sagte er. „Dort können Sie sich gut verstecken. Kommen Sie, ich werde Sie hinführen.“
„Langsam“, bremste Newman. „Die Männer sind noch unterwegs. Ich denke, es ist besser, wenn ich mich wieder in den hinteren Raum zurückziehe und bei Gefahr erneut flüchte.“
„Also gut, Sie haben Recht. Gehen Sie lieber, bevor jemand kommt.“
„Kann ich meinen Sohn sehen?“, fragte Newman noch.
„Das ist viel zu riskant“, winkte Jefferson ab. „Wir müssen extrem vorsichtig sein, begreifen Sie es doch. Es geht hier nicht nur allein um Sie.“
Newman nickte und zog sich zurück.